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Niemand ist perfekt- leichter gesagt als getan?


Hohe Ansprüche an sich selbst, bloß keinen Fehler machen, es "nicht gut sein lassen können", bis tief in die Nacht noch an einer Präsentation arbeiten? Dann irgendwie doch nicht zufrieden sein können? Kennst Du das?


Ja, genau: Heute möchte ich das Thema Perfektionismus und den Anspruch an sich selbst näher beleuchten. Gerade im Lehrerberuf kann Perfektionismus zu einer doppelten Herausforderung werden, da hohe Erwartungen an sich selbst und die äußeren Anforderungen zu erheblichem Druck führen können. Zumal Du Dich mitten in einem System befindest, in dem es um Bewertung, Fehlerkorrektur und Leistung geht.


Wie soll man da den eigenen Perfektionismus noch im Griff haben?


In einer Gesellschaft, die Erfolg und Leistung übermäßig belohnt, fühlen sich Menschen oft unter Druck gesetzt, perfekt zu sein, um den Erwartungen anderer gerecht zu werden und Anerkennung zu erhalten. Darüber hinaus kann Perfektionismus auch durch familiäre oder soziale Dynamiken verstärkt werden, in denen Leistung und Perfektion als Maßstab für Liebe, Wertschätzung und Zugehörigkeit dienen.

Ja, das Streben nach Perfektion ist gesellschaftlich anerkannt, irgendwie auch erwünscht, möchte man meinen. Spielt es doch auch der Werbeindustrie und den Medien in die Hände.

Überall wird uns erzählt, was alles fehlt, warum etwas nicht genug ist, was es dafür braucht, um noch besser zu werden und endlich ein glückliches Leben führen zu können.


Fehler? Fehlanzeige!


Eine Sache gut machen zu wollen ist das Eine, das Andere ist aber, dass dies, wenn es eben dauerhaft "bis zur Perfektion" betrieben wird, weitreichende negative Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit haben kann. So sind Perfektionisten oft übermäßig gestresst, da sie sich selbst einem unablässigen Druck aussetzen, immer höchste Standards zu erfüllen. Dieser Stress kann zu Angststörungen, Depressionen und Burnout führen.



Und wissen wir nicht eigentlich alle, ganz tief in unserem Innersten: Das Perfekte gibt es nicht?



Was also, wenn es nie gut ist? Wenn wir es nicht „gut sein lassen“ können? Wenn wir uns keine Fehler erlauben/verzeihen?

Was könnte hinter diesem hohen Anspruch an sich selbst stecken? Wie kommt es, dass wir perfekt sein wollen, dass wir das Bedürfnis haben, dass andere uns als perfekt ansehen?



Neben den bereits genannten gesellschaftlichen Aspekten lade ich Dich ein, etwas tiefer einzusteigen und möchte auch psychologische Aspekte beleuchten, die Antworten liefern können:


Eine mögliche Quelle für Perfektionismus könnte die Angst vor Versagen sein. Perfektionisten setzen sich hohe Standards, um die Möglichkeit von Fehlern oder Misserfolgen zu minimieren. Dies kann von einem starken Bedürfnis nach Anerkennung und Bestätigung durch andere angetrieben werden. Das Bedürfnis nach Anerkennung ist eines der 4 psychologischen Grundbedürfnisse (nach Klaus Grawe). Es ist ganz natürlich, dass wir Menschen das Bedürfnis haben, uns als kompetent zu erfahren, wenn wir handeln. Wenn wir uns sicher fühlen, in dem wie und was wir tun haben wir ein gutes Selbstwertgefühl. Wir sind erfolgreicher im Tun und verfolgen Ziele. Perfektionist*innen glauben oft, dass ihre Selbstachtung von ihren Leistungen abhängt, wodurch sie sich einem konstanten Druck ausgesetzt fühlen.



Diese Annahme kann von Glaubenssätzen, die wir in der Kindheit entwickelt haben, verstärkt worden sein:

  • „Ich bin nur liebenswert, wenn ich perfekt bin."

  • „Nur durch Leistung und Perfektion bekomme ich Anerkennung."

  • „Fehler zeigen Schwäche.“

  • „Wenn ich nicht perfekt bin, werde ich abgelehnt oder nicht geliebt.

  • „Meine Selbstachtung hängt von meinen Leistungen ab.“

  • „Nur wenn ich alles richtig mache, bin ich wertvoll.“

  • „Andere werden mich verurteilen, wenn ich nicht perfekt bin.“

  • „Perfektion ist der einzige Weg, um erfolgreich zu sein.

  • „Ich muss immer alles unter Kontrolle haben, um Fehler zu vermeiden.“

  • „Wenn ich nicht perfekt bin, bin ich ein Versager.“


 


Zum einen kann Perfektionismus also daraus entstehen, dass in hohem Maße Bestätigung und Anerkennung von außen gesucht wird. Der Meinung und Bewertung anderer wird eine große Bedeutung zugemessen. Perfektionist:innen befürchten, dass ihre Leistungen nicht den Erwartungen entsprechen oder als unzureichend betrachtet werden könnten. Diese Angst vor Ablehnung und sozialer Bewertung verstärkt den Perfektionismus, da sie ständig danach strebt, ein positives Bild von sich selbst zu präsentieren, um die Zustimmung und Anerkennung anderer zu erhalten.


Zum anderen spielt auch die eigene Bewertung und Anerkennung des eigenen Selbst eine Rolle:


Vielleicht kennst auch Du den „inneren Kritiker“, eine sehr starke innere Stimme, die dich andauernd kritisiert und Dir sagt, dass Du nicht gut genug bist?

Perfektionist:innen sind oft ihre härtesten Kritiker:innen. Sie neigen dazu, sich selbst stark zu beurteilen und negative Gedanken über sich selbst zu haben, wenn sie ihren eigenen hohen Standards nicht gerecht werden. Die Angst vor der Bewertung von außen spiegelt oft die interne Kritik wider, die sie bereits an sich selbst ausüben. Auch diese innere kritische Stimme kann aus früheren Erfahrungen oder erlernten Verhaltensmustern entstanden sein und das Selbstwertgefühl erheblich beeinträchtigen.



Ein weiteres psychologisches Grundbedürfnis ist das Bedürfnis nach Kontrolle und Selbstbestimmung. Wir möchten gerne Einfluss nehmen und proaktiv auf unser Leben, Handlungen und das, was uns widerfährt, einwirken. Das Bedürfnis nach Kontrolle ist bei jedem unterschiedlich ausgeprägt. Struktur, Selbstbestimmtheit und Selbstwirksamkeit spielen hier eine Rolle. So kann Perfektionismus auch aus einem tief verwurzelten Bedürfnis nach Kontrolle entstehen.



Mögliche Glaubenssätze aus der Kindheit können sein:

  • "Wenn ich nicht alles unter Kontrolle habe, passieren schlimme Dinge.

  • "Nur durch Kontrolle kann ich Sicherheit und Stabilität erreichen."

  • "Kontrolle ist der einzige Weg, um Enttäuschungen und Verletzungen zu vermeiden."

  • "Ich darf keine Kontrolle abgeben, sonst bin ich schwach oder hilflos."

  • "Nur wenn ich alles perfekt kontrolliere, kann ich erfolgreich sein."

  • "Kontrolle gibt mir ein Gefühl von Wert und Bedeutung."

  • "Fehler sind inakzeptabel, deshalb muss ich alles kontrollieren, um sie zu vermeiden."


 


Du merkst, dass auch Dir Deine hohen Ansprüche an Dich selbst das Leben schwer machen? Du möchtest wissen, wie Du zu mehr Gelassenheit und Selbstmitgefühl kommst und Du Dich nicht mehr vom Streben nach Perfektion getrieben fühlst?



Das Streben nach Perfektion aufzulösen, erfordert eine bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Überzeugungen und Mustern. Das Auflösen tief verwurzelter Glaubenssätze braucht Zeit, Geduld und Selbstreflexion.


Hier sind einige Schritte, die helfen können:


Überzeugung: Der erste Schritt besteht darin, sich bewusst zu werden, dass bestimmte Glaubenssätze existieren und wie sie den Perfektionismus beeinflussen. Achte einmal bewusst auf negative Gedankenmuster und kritische Selbstgespräche, die mit Perfektionismus verbunden sind.


Hinterfrage Deine Glaubenssätze: Überprüfe die Glaubenssätze kritisch und hinterfrage ihre Gültigkeit. Frage dich, inwieweit dir diese Glaubenssätze in deinem heutigen Leben als Erwachsene:r noch nützlich sind. Suche nach Gegenbeweisen und alternativen Perspektiven.


Identifiziere die Ursprünge: Versuche, die Ursprünge dieser Glaubenssätze zu erkennen, insbesondere in deiner Kindheit. Welche Ereignisse, Erfahrungen oder Überzeugungen könnten dazu geführt haben, dass Du diese Glaubenssätze übernommen hast?


Neuinterpretation: Überlege, wie Du die Glaubenssätze heute für Dich als erwachsene Person neu interpretieren könntest. Ersetze negative Überzeugungen durch positive und unterstützende Gedanken. Betone Deine Stärken und Fähigkeiten unabhängig von Perfektion.

Aus dem Satz „Nur wenn ich alles richtig mache, bin ich wertvoll.“ könnte beispielsweise werden „Ich bin ein wertvoller und liebenswerter Mensch und darf Fehler machen.“ Oder „Mein Wert als Person ist unabhängig von meinen Leistungen. Ich bin einzigartig und authentisch.“


Übe Dein Selbstmitgefühl: Entwickle Mitgefühl und Freundlichkeit Dir selbst gegenüber. Erlaube Dir, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen. Sei gnädig mit Dir selbst- so wie Dein innerer Kritiker mit Dir spricht, würdest Du vermutlich nicht mit eine:r Freund:in sprechen, oder?


Neues Verhalten üben: Um die Glaubenssätze aufzulösen, ist es wichtig, neue Verhaltensweisen und Denkmuster zu üben. Setze Dir realistische Ziele, erlaube Dir, unvollkommen zu sein und konzentriere Dich auf den Prozess und das persönliche Wachstum statt ausschließlich auf das Ergebnis.


 

Das Auflösen von Glaubenssätzen ist ein fortlaufender Prozess, der Zeit braucht. Sei geduldig und wohlwollend mit Dir selbst! Manchmal ist auch professionelle Begleitung hilfreich.


In Einzelgesprächen biete ich dir gerne an, Dich bei diesem Prozess zu unterstützen und gemeinsam mit Dir Deine tieferliegenden Glaubenssätze zu entdecken und aufzulösen.



Als Lehrkraft kannst Du Vorbild für Deine Schüler*innen sein, indem Du Fehler eingestehst und ihnen zeigst, dass dies zum Mensch-Sein dazu gehört und niemand perfekt sein kann!


Mein Lieblingsszene dazu stammt übrigens aus dem Film „Manche mögen‘s heiß“ mit Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon. Als Jerry (Jack Lemmon), der sich bisher als Daphne verkleidet hatte und von Millionär Osgood Fielding umworben wurde, diesem schließlich als Mann zu erkennen gibt, erwidert dieser nur: "Nobody's perfect!"




WEnn dir dein Perfektionismus als Lehrer das Leben schwer macht



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