Meine Erfahrungen beim Greator Festival 2025 – Coaching, Persönlichkeitsentwicklung & Kritik
- Kristin Frank
- 29. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Zwei Tage Persönlichkeitsentwicklung im Overload-Modus oder: wenn Coaching zur Show wird
Stell dir vor: Ein Festival, bei dem die Bühne glitzert, die Coaches in Designer-Outfits glänzen und überall „Erleuchtung“ auf dem Stundenplan steht.
Willkommen beim Greator-Festival in Köln Ende Juni 2025– oder wie ich es nach dieser 2tägigen Erfahrung nenne: Super-Gurus, Bullshit-Bingo und ich mittendrin.
Warum ich hingegangen bin
Mit einer Mischung aus Neugier, Vorfreude und zugebenermaßen auch Skepsis machte ich mich auf den Weg nach Köln. Die Hochglanzprospekte mit den großen Namen versprachen Inspiration, neue Impulse für meine Arbeit mit Müttern und Familien – und vielleicht auch ein wenig persönlichen Erkenntnisgewinn.
Doch was ich erlebte war:
Ein wildes Spektakel aus Personenkult, kalenderspruchartigen Weisheiten und einer ordentlichen Portion „Du bist irgendwie schon gut wie Du bist, aber dann doch nicht so ganz gut genug und zufälligerweise verkaufen wir Dir Deine Erleuchtung gleich mit. Wenn Du Dir was Wert bist, dann greifst Du jetzt tief in die Tasche. Achso ja, und wenn das nicht klappen sollte, dann bist Du selbst schuld, denn dann hast Du Dich wohl nicht genügend angestrengt.“
Zwei Tage ununterbrochen diese Beschallung, begleitet von Bombastmusik, als hätte man Game of Thrones, Fluch der Karibik und Herr der Ringe gleichzeitig aufgedreht, in Endlosschleife.
Puh. Anstrengend.
Aber von vorn...
Der erste Eindruck: Bombast, Bühne, Binsenweisheiten
Das Greator Festival findet mittlerweile seit mehreren Jahren in der Lanxess Arena in Köln statt. In der Halle befand sich die Hauptbühne, die den Super-Gurus vorbehalten war und auf dem Außengelände gab es noch einmal mehrere Bühnen für Vorträge und Workshops. Dort wurden zeitgleich die jeweils 18minütigen Vorträge (wir in der Szene sagen „Keynotes“) präsentiert.
Es traten Coaches, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Influencer:innen etc. auf und, wenn ich es richtig verstanden habe, geht es in den Keynotes darum, über sein „Herzensthema“ zu sprechen. Dies gestaltete sich in vielen Fällen so, dass 25jährige, die sich seit 3 Monaten mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigen und bereits 7 Bücher über ihr Leben geschrieben haben, uns mithilfe von Kalendersprüchen erklärten, wie wir endlich unsere inneren Blockaden lösen, Millionäre werden und dabei ganz wir selbst bleiben. Am besten in drei einfachen Schritten und mit ihrem Onlinekurs für (heute nur) 999 €.
Die Inszenierung: Persönlichkeitsentwicklung als Show
Die meisten Keynotes waren an die „klassische Heldenreise“ angelehnt.
Ein:e junge:r Held:in muss auf der Reise zur Erleuchtung schwere Prüfungen (mindestens einmal Burn-Out, zahlreiche Panikattacken, Essstörungen*) bestehen. Hierbei stellen sich ihr:ihm zusätzlich oft unüberwindbar erscheinende Hindernisse (wie ein 8-Stunden Job, eine Steuererklärung, abgebrochene Fingernägel) in den Weg. Nur mithilfe weiser Zauberer aka Coaches, „Wie-werde-ich-in-3-Stunden-Millionär-Programmen“ oder Greator-Kursen wird schließlich die Erleuchtung möglich.
Im Übrigen wusste ich bisher noch nicht, dass das Berufsbild des Keynote-Speaker:in der neueste Schrei bei der Berufsberatung im Arbeitsamt ist. Selbstverständlich konnte die 1jährige Ausbildung direkt vor Ort bei Greator für einen geringfügigen Obolus gebucht werden. Ob das Arbeitsamt die Ausbildung fördert, kann ich leider nicht sagen. Einfach mal nachfragen!
Meine persönlichen Learnings vom Greator Festival
Schwäbische Wurzeln zahlen sich aus
Ich bin immer wieder äußerst dankbar für meine schwäbischen Wurzeln und meine schwäbische Sozialisation. Das war hier mal wieder, im wahrsten Sinne des Wortes, Gold wert, denn ich habe- außer für Essen- keinen Cent ausgegeben. Mein schwäbischer Life-Hack an dieser Stelle: Mitgebrachte Wasserflasche am Waschbecken auffüllen und sich so pro 0,25 l Wasser 7,50 € sparen
Massen lassen sich leicht manipulieren
Mir wurde einmal mehr bewusst, wie psychologische Manipulation funktioniert und wie leicht es ist, die Massen mit einfachen Slogans und einfachen Lösungen zu mobilisieren und zu begeistern. Wenn 10 000 Menschen gleichzeitig in die Hände klatschen und rufen „Ich bin ein Gewinner“, dann ist es äußerst schwierig, sich diesem Sog zu entziehen.
Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist riesig
Viele Menschen scheinen tatsächlich einen „Heilsbringer“, einen „Messias“ herbeizusehen, der ihnen genau das erzählt, was sie gerne hören möchten. Aus diesem Blickwinkel heraus wirken die aktuellen politischen Ereignisse weltweit leider noch dramatischer.
Mein gewöhnliches Leben ist genau richtig
Ich liebe und schätze mein sehr gewöhnliches (Land-) Leben. Das allgegenwärtige Motto des Festivals: "Lebe endlich jetzt Dein außergewöhniches Leben" macht so rein gar nichts mit mir. Ich möchte weder dauerhaft am Strand arbeiten (zu viel Sand und Wind), mit 50 in den Ruhestand gehen (ich arbeite sehr gerne), mein passives Einkommen für mich arbeiten lassen (viel zu langweilig), noch möchte ich Keynote-Speakerin werden (da hab ich nix Passendes zum Anziehen).
Echtheit erkennt man nicht am Glitzerfaktor
Die wirklich (leider wenigen) guten Keynotes kamen alle von Menschen aus „grundständigen“ Berufen wie Ärzt:innen, Psycholog:innen, Gärtner:innen, Sozialpädagog:innen etc. mit Lebens- und Berufserfahrung. Direkt. Echt. Aus der Praxis.
Persönlichkeitsentwicklung ist kein 3-Schritte-Programm
Persönlichkeitsentwicklung ist ein jahrelanger, nie endender Prozess, sie passiert weder in 3 Schritten, noch in 3 Minuten noch mithilfe von 3 Millionen Euro.
Coach ist kein geschützter Begriff
Was mir schon klar war und für einige von Euch noch interessant sein könnte: „Coach“ ist kein geschützter Begriff. Jede:r kann sich Coach nennen. Und genau das habe ich an diesem Wochenende erlebt: JEDE:R kann sich Coach nennen…
Nun habe ich mich ordentlich über das große Getöse und die vielen Selbstdarsteller:innen echauffiert, empört und lustig gemacht. Ich gehe dabei gerne das Risiko ein, von kritischen Stimmen zu hören: "Du hast Dich wohl nicht richtig darauf eingelassen", "Du warst einfach nicht offen genug", "Da scheint ja bei Dir ordentlich was angetriggert worden zu sein, da musst Du mal hinschauen", "Du hast nur Deine Vorurteile bestätigt sehen wollen"- ja ok, geschenkt...
Mir geht es darum:
Es gibt da draußen unzählige wirklich seriöse, empathische und engagierte Coaches, die mit Herz und Verstand arbeiten. Menschen, die nicht auf schnellen Profit aus sind, sondern echten Mehrwert schaffen und echte Veränderung ermöglichen. Menschen, die nicht ihre Person in den Vordergrund stellen, sondern diejenigen, die sie begleiten.
Für alle, die auf dieser Suche sind: Lasst Euch nicht vom Bling-Bling blenden, sondern vertraut Eurem Gefühl und Eurem gesunden Menschenverstand.
Persönlichkeitsentwicklung ist kein Produkt, das man kauft, sondern ein Weg, den man geht. Schritt für Schritt. Mit all seinen kleinen und großen Steinen, Umwegen und Abzweigungen.
In diesem Sinne: Bleibt neugierig, kritisch und vor allem Euch selbst treu!
*Ich habe im Text bewusst ironisch über Themen wie Burn-Out, Paniakattacken oder Essstörungen gesprochen – als Spiegel für den verzerrten Umgang damit auf dem Festival.
Aus meiner täglichen Arbeit weiß ich, wie sehr Betroffene leiden und welch langer Weg es sein kan, sich Unterstützung zu holen und gesund zu werden. Darum betone ich ausdrücklich: Niemand ist "selbst schuld, wenn er oder sie es nicht schafft“.
