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Therapie-Sprech- oder warum es so wichtig ist, dass wir unsere Sprache sensibel einsetzen

Seit einiger Zeit fällt mir auf, dass Menschen ständig "getriggert", Kinder in der Schule andauernd "gemobbt" werden, Beziehungen "toxisch" sind und jede:r Zweite eine "narzisstische Persönlichkeitsstörung" zu haben scheint.

Der sogenannte "Therapie-Sprech" oder "Psycho-Sprech" ist- Achtung Wortwitz- in aller Munde.

Gerade auch in den sozialen Medien werden zunehmend Begrifflichkeiten aus dem therapeutisch-psychologischen Bereich umgangssprachlich genutzt.

Möglicherweise ist dies darauf zurückzuführen, dass gesellschaftlich eine größere Offenheit im Umgang mit psychischen Erkrankungen besteht und glücklicherweise eine Ent-Tabuisierung stattfindet. Dies begrüße ich ausdrücklich.


Gleichzeitig finde ich es sprachlich schwierig, wenn Wörter, die eindeutig eine therapeutische oder klinische Bedeutung und Konnotation haben, in den umgangssprachlichen Gebrauch rutschen. Dies bagatellisiert und entwertet psychisches Leiden und psychische Krankheiten und wird denjenigen gegenüber nicht gerecht, die beispielsweise in der Schule tatsächlich gemobbt werden, die an einer post-traumatischen Belastungsstörung leiden, die mit Depressionen zu kämpfen haben...

So verlieren diese Bezeichnungen an Prägnanz und letztlich an Bedeutung.



Und was steckt denn nun eigentlich hinter den Begriffen, die uns ständig so lässig über die Lippen kommen?



"Meine letzte Beziehung war total toxisch" (Freundin)

Was gemeint sein könnte:

"Ich war in einer Beziehung, in der es viele Konflikte gab. Darunter habe ich sehr gelitten, denn ich habe meine eigenen Bedürfnisse nicht mehr gut mit meine:r Partner:in besprechen können und mich nicht von ihm:ihr gesehen gefühlt. Ich habe ständig Dinge gemacht, die ich nicht wollte, weil ich so harmoniebedürftig bin."


Was dahinter steckt:

In der Psychologie/Therapie gibt es keine Definition von "toxischer Persönlichkeit" oder "toxischer Beziehung". Das Wort "toxisch" stammt aus dem naturwissenschaftlichen Bereich und meint "giftig", "schädlich". Weder eine Person noch eine Beziehung können toxisch, also schädlich sein, sondern das Verhalten einer Person (in einer Beziehung). Es gibt dysfunktionale Beziehungsmuster, in denen ein:e Partner:in den anderen oder sich beide Partner gegenseitig durch ihr Verhalten schädigen, Diese Beziehungen sind meist durch ein Abhängigkeitsverhältnis geprägt und es finden Grenzüberschreitungen mittels körperlicher, verbaler und/oder non-verbaler Gewalt statt.. An dieser Stelle ist unbedingt professionelle Hilfe notwendig.

"Normale" Konflikte und Meinungsverschiedenheiten sind wichtig in einer Partnerschaft. Sie bedürfen einer guten, transparenten Kommunikation und der Bereitschaft beider Partner:innen, sich in den anderen einzufühlen und dessen Bedürfnisse anzuerkennen.



"Die Kollegin triggert mich so mit ihrer Zuspätkommerei" (Mitarbeiterin/Kollegin)


Was gemeint sein könnte:

"Ich ärgere mich über meine Kollegin, weil sie ständig zu spät kommt. Dadurch geht wertvolle (Team-) Zeit verloren und ich fühle mich von ihr nicht wertgeschätzt, da sie anderen Dingen mehr Priorität zuzuschreiben scheint."


Was dahinter steckt:

Der Begriff "Trigger" (Auslöser) in der Psychologie beschreibt einen Reiz, der in einer Person unbewusst oder bewusst Erinnerungen an ein (eventuell bislang auch unbewusstes) erlebtes Trauma auslöst. Dies können bestimmte Gerüche, Orte, Worte, Gesten, etwas Atmosphärisches etc. sein. Die Person reagiert meist auf körperlicher Ebene mit beispielsweise Zittern, Erbrechen, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schweißausbrüchen etc.



"Ich bin richtig traumatisiert vom Elternabend" (Lehrkraft)

Was gemeint sein könnte:

"Für mich war der letzte Elternabend sehr anstrengend. Ich bin traurig und frustriert darüber, dass viele Eltern meine Bemühungen als Lehrkraft nicht zu sehen scheinen und mich verbal angegriffen haben."


Was dahinter steckt:

Ein Trauma entsteht dann, wenn uns bei einem bestimmten Erlebnis/Ereignis mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, nicht genügend Ressourcen zur Bewältigung dessen zur Verfügung stehen. Der Körper schaltet auf einen "Überlebensmodus" und "friert" ein. Auslösende Ereignisse können z.B. Naturkatastrophen, Kampfeinsatz, Unfälle, gewaltsamer Todes Anderer, Folter, Vergewaltigung, Misshandlungen oder andere Verbrechen sein.

Unabhängig vom Ausmaß des traumatischen Ereignisses kann jede:r Betroffene die Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung entwickeln und braucht dann dringend therapeutische Unterstützung.



"Ich werde gemobbt" (Schülerin, 5. Klasse)


Was gemeint sein könnte:

"Ich habe oft Streit mit meinen Freundinnen. Wir sind machmal sehr gemein zueinander. Ich fühle mich dann in die Enge getrieben von ihnen, weiß mir nicht mehr zu helfen und beleidige sie dann auch oder mache etwas Gemeines. Das belastet mich sehr."


Was dahinter steckt:

"Echtes" Mobbing ist gekennzeichnet durch folgende Merkmale:

  • es findet wiederholt über einen längeren Zeitraum (mehrere Wochen) statt

  • richtet sich kontinuierlich gegen die gleiche Person

  • beinhaltet jede Form gewalttätigen Handelns (nonverbal, verbal, körperlich, Sachbeschädigung)

  • zielt darauf ab, jemanden systematisch zu erniedrigen

  • es besteht ein Machtungleichgewicht: Viele gegen einen

  • ist ein Gruppenphänomen: alle sind auf verschiedene Weise beteiligt (Täter, Opfer, Mitläufer, schweigende Masse)

  • lässt Betroffenen keine Chance offen, sich aus eigener Kraft aus der Situation zu befreien (Quelle: www.no-blame-approach.de)

Mobbing bedarf professioneller Hilfe!


Konflikte unter Kindern sind normal und wichtig. Kinder lernen so, ihre Grenzen auszuloten, sich mit den Gefühlen und Bedürfnisssen von anderen auseinanderzusetzen und sie lernen, Probleme anzusprechen und zu lösen.


"Der hat doch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung" (Freund)


Was gemeint sein könnte:

"Mein Freund Harald ruft mich nur an, wenn er etwas braucht. Er fragt mich nie danach, wie es mir geht oder ob es gerade günstig ist. Er erzählt nur von sich und seinen beruflichen Erfolgen. Er hört nicht zu, wenn ich ein Anliegen habe."


Was dahinter steckt:

Narzissmus tritt bei Menschen in verschieden starken Ausprägungen auf:

  • bei gesunden Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen,

  • bei Menschen mit deutlich ausgeprägten narzisstischen Merkmalen,

  • bei Menschen, die an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden.


Menschen mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung gleichen Emotionen wie Scham, Schuld, Angst, Hilflosigkeit und eine aktive Selbstabwertung durch Größenideen, Perfektionismus, Abwertung anderer Menschen und Ärger, Wut und Aggressivität aus. Anerkennung zu bekommen, ist eines der beiden wichtigsten Motive, die ihr Handeln und ihre Entscheidungen bestimmen, unter allen Umständen die eigene Autonomie zu bewahren. Das andere ist die Aufrechterhaltung eines überlegenen Selbstbildes. Dies führt oft dazu, dass sie andere manipulieren, um ihre Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen, und dass sie Schwierigkeiten haben, Empathie für andere zu empfinden.



Oh ja, die Liste des "Therapie-Sprech" ist lang und könnte sicher noch weiter fortgeführt werden.

Mein Anliegen heute ist es, für eine präzise Sprache zu sensibilisieren und genau abzuwägen, wann und wie wir psychologisch-therapeutische Begrifflichkeiten einsetzen.


Vor allem die sozialen Medien bergen gerade auch für Kinder und Jugendliche die Gefahr, ungefiltert "Therapie-Sprech" anzuwenden und aus "normalen Problemen im Leben" psychische Krankheiten zu machen.

Die meisten von uns sind glücklicherweise nicht psychisch krank, so dass wir sprachlich aus einer Fülle von Begriffen schöpfen können, um unsere Gefühle und Bedürfnisse zu beschreiben und auszudrücken. Indem wir uns anderen auf diese Weise mitteilen, weiß unser Gegenüber wie es uns geht und so können wir unsere Probleme oft gemeinsam lösen.

Selbstverständlich könnte auch hinter jedem der vorgestellten Beispiele eine ernsthafte Problematik stecken und es ist gut, genau hinzuhören und/oder nochmals nachzufragen.

Du darfst da auch ein bisschen auf Dein Bauchgefühl vertrauen ;-)


Falls es Dir über einen längeren Zeitraum hinweg psychisch schlecht gehen sollte, dann hole Dir bitte schnell professionelle Hilfe- und diagnostiziere Dich nicht selbst auf Social Media.

Versprochen?








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